Wild Atlantic Way

Ein Bericht von Dirk Heckmann

Mit über 2500 Kilometern Strecke ist er/sie eine der längsten ausgeschilderten Küstenrouten der Welt. Entlang ihrer fünf Abschnitte, für die Sie sich wenigstens zwei Wochen Zeit einplanen sollten, erwarten Sie rauhe, ungezähmte Natur, spektakuläre Klippen und Panoramen sowie die Zeugnisse einer jahrtausendealten Kultur.

Hinweis: Einen ausführlichen Reisebericht mit detaillierten Beschreibungen aller Etappen finden Sie hier.

Die Straßen im Westen der grünen Insel entlang des Atlantiks waren eigentlich schon immer da. Jetzt hatte man die clevere Idee, sie zu einer gut ausgeschilderten Küstenstraße zusammenzufügen. Vom Old Head bei Kinsale im Süden bis nach Malin Head – dem nördlichsten Punkt Irlands – hat Fáilte Ireland eine 2500 Kilometer lange, spektakuläre Route kreiert. Und sie gaben ihr den einprägsamen Namen Wild Atlantic Way.

Raue, zerklüftete Klippen – unter ihnen die höchsten Europas –, endlose, einsame Strände, Irlands höchste Berge, die ältesten Wälder, verwunschene Buchten, kleine Ortschaften mit bunten Häusern, Fischerdörfer ... und natürlich Irlands bewegte Geschichte mit Schlossruinen, alten Friedhöfen und Kirchen bekommen Sie auf dieser längsten zusammenhängenden Küstenstraße der Welt zu sehen. Und überall grünt es, weiden Schafe, Kühe, Pferde und Esel auf den Wiesen. Man kann den Eindruck bekommen, dass auch sie die oftmals wunderbare Aussicht genießen und einfach glücklich sind.

Der Wild Atlantic Way ist gut ausgeschildert, egal ob Sie nun von Süden nach Norden oder umgekehrt die Strecke in Angriff nehmen. In den meisten Regionen finden Sie in gut erreichbaren Abständen Campingplätze, wobei der Südwesten mit seinen vier in den Atlantik ragenden Halbinseln und den sich nördlich davon befindenden Cliffs of Moher touristisch weiter erschlossen ist als der Norden. Die Straßen des Wild Atlantic Way sind nicht überall für alle Wohnmobile geeignet: Einige Abstecher erreichen Sie nur über sehr schmale Straßen und manchmal geht es doch sehr steil bergauf/bergab, sodass die größeren Womos dort nicht fahren können.

Ich war mit einem Hymercar Sierra Nevada unterwegs und konnte alle Ziele gut erreichen. Wer es z. B. von Skandinavien gewohnt ist, ohne Probleme schöne Gratis-Stellplätze zu finden, um dort die Nacht zu verbringen, muss in Irland einige Abstriche machen. Es kommt immer wieder vor, dass schön gelegene Park-/Rastplätze am Eingang mit Höhenbegrenzungen oder mit Schildern versehen sind, auf denen Campen bzw. über Nacht parken mit dem Hinweis „No Camping or Overnight Parking“ untersagt ist.

Mit dieser Maßnahme versucht man, dem Problem des fahrenden Volkes Herr zu werden. Denn die sogenannten Pavee oder auch Tinker genannt, ziehen umher und hinterlassen Rast- und Parkplätze leider oft recht schmutzig. Wohnmobilisten und Camper sind in Irland natürlich jederzeit herzlich willkommen.

Startpunkt: ​Kinsale

Vom Start-/Endpunkt in Kinsale verläuft der Wild Atlantic Way (WAW) in westlicher Richtung zur ersten der vier im Südwesten liegenden Halbinseln. Mizen Peninsula ist eine zweigeteilte Halbinsel mit Mizen Head, dem südwestlichsten Punkt Irlands, und dem nördlich davon gelegenen Sheep’s Head, einer der abgelegensten Regionen Irlands. Am südwestlichen Punkt befindet sich eine Signalstation mit Besucherzentrum, das Informationen über die Geschichte dieses Ortes bietet.

Auf spektakulären Wanderpfaden und einer Bogenbrücke gelangen Sie dorthin. Vorgelagert auf einem Inselfelsen im Atlantik sehen Sie den Fastnet-Leuchtturm, auch „Träne Irlands“ genannt. Er war oftmals das Letzte, was die Auswanderer Richtung Amerika von ihrer Heimat sehen konnten. Es schließt sich die Beara Peninsula an, für viele die schönste der vier Halbinseln. Über den Ring of Beara gelangen Sie ans Ende der Halbinsel zu Irlands einziger Seilbahn. Sie bringt Bewohner und Besucher auf die Insel Dursey.

Ein MUSS auf dieser Halbinsel ist die Healy Passstraße. Sie führt auf knapp 300 Meter Höhe durch eine grandiose Landschaft. Oben auf der Passhöhe verläuft die Grenze zwischen den Counties Cork und Kerry. Die südliche Seite des Passes mit seinen Serpentinen ist steiler und spektakulärer als die Nordseite.

Etappe 2: Iveragh Peninsula

Die sich nördlich anschließende Iveragh Peninsula ist bekannt geworden durch den Ring of Kerry, eine Ringstraße entlang der Küstenlinie dieser Halbinsel mit Start und Ziel in Killarney. In weiten Teilen gleicht sie dem Wild Atlantic Way. Auch diese Halbinsel ist an ihrer Spitze am spektakulärsten. Hier finden Sie die Kerry Cliffs sowie die Insel Valentia, die Sie bei Portmagee über eine Brücke oder bei Reenard Point mit der Fähre erreichen. Eine kleine Wanderung zum Bray Head ist etwas Wunderbares, da der Panoramablick auf die Kerry Cliffs und die vorgelagerten Skellig Islands grandios ist.

Der Besuch der Insel Skellig Michael, knapp 12 Kilometer von Portmagee entfernt, ist ebenfalls ein MUSS, gehört das sich darauf befindliche, sehr einfache Kloster seit 1996 doch zu den UNESCO World Heritage Sites. Auf der steilen, felsigen Skellig Michael (Great Skellig) müssen Sie über 600 Stufen erklimmen, um zu der spartanischen Klosteranlage zu gelangen. 217 Meter ragt der höchste Gipfel der Insel aus dem Wasser. Nebenan liegt Little Skellig. Sie beherbergt mit ca. 22 000 Brutpaaren eine der größten Baßtölpelkolonien der Welt. Auf beiden Inseln können auch Papageitaucher beobachtet werden. Und auch Delfine, Wale und Robben tauchen immer wieder in dieser Gegend auf.

Die vierte der im Südwesten Irlands liegenden Halbinseln ist die Dingle-Halbinsel. Auf der Fahrt entlang der südlichen Küste passieren Sie Inch Beach, eine Landzunge, die mehrere Kilometer in die Dingle Bay ragt. Der bei Surfern sehr beliebte Strand ist im übrigen auch mit dem Auto befahrbar. Hinter dem Touristenort Dingle beginnt der 30 Kilometer lange, kurvige Slea Head Drive mit spektakulären Panorama-Ausblicken. Um von Dingle auf direktem Weg an die Nordküste der Halbinsel zu gelangen, müssen Sie den O’Connor-Pass überqueren. Er ist mit 456 Metern die höchste Passstraße Irlands. Aber Achtung: Fahrzeuge mit einer Breite über 1,80 m und länger als 7,30 m können diese Straße nicht passieren.

Von Dingle kommend, können Sie aber bis zur Passhöhe fahren und bei gutem Wetter die tolle Aussicht genießen. Der Mount Brendon nebenan ist mit 952 Metern der dritthöchste Berg Irlands. Etwas weiter nördlich der Dingle-Halbinsel schließt sich die kleine, schlanke Loop Head Peninsula an. Diese erreichen Sie am geschicktesten mit der Fähre über den Mündungsbereich des Shannon vom Ort Tarbert aus. Ist die direkte Fahrt ans Ende der Halbinsel zum Loop Head Leuchtturm noch nicht so spektakulär, bietet der Rückweg Richtung Kilkee entlang der Ausschilderung des Wild Atlantic Way eine Steilküste vom Feinsten.

Etappe 3: Cliffs of Moher

Als nächste Highlights folgen die Cliffs of Moher, eine mehr als acht Kilometer lange Steilküste, deren oft senkrechte Felswände eine Höhe von bis zu 215 Metern aufweisen. Die Cliffs sind eine der größten Besucherattraktionen Irlands. In einem Besucherzentrum erfahren Sie einiges über die Geologie der Region. Bleiben Sie bei schönem Wetter unbedingt bis zum Sonnenuntergang, bis alle Reisebusse weg sind und es um einiges leerer wird.

Nördlich der Cliffs liegt der kleine Musikerort Doolin. Vom Hafen aus werden Bootstouren zu den Cliffs angeboten, die vom Wasser aus noch imposanter wirken! Doolin ist auch ein guter Ausgangspunkt zu der nördlich folgenden Karstlandschaft, den Burren mit dem Burren Nationalpark. Die Küstenstraße führt durch eine karge Felslandschaft, die dennoch eine recht artenreiche Vegetation hervorbringt.

Die Pflanzen haben sich zum Überleben einen Platz in den vielen Spalten und Ritzen der Felsen auserkoren. Der Burren ist von einem weiten Höhlensystem durchzogen. In der Doolin Cave können Sie mit einer sagenhaften Länge von 7,30 Metern den zweitgrößten Stalaktiten der Welt bewundern.

Etappe 4: Connemara

Oberhalb von Galway beginnt die Connemara. Die Küstenregion bietet eine Unzahl von einsamen Stränden, unterbrochen von zerklüfteten Felsabschnitten. Der Sky Loop bei Clifden bietet einen wunderbaren Panoramablick über diese traumhafte Landschaft. Aber auch ein Abstecher ins Landesinnere ist lohnend, dort führen die Straßen zwischen den bis zu 700 Meter hohen, sanft gerundeten Bergen durch grüne Täler. Ein Highlight für Fans altertümlicher Bauten ist der Besuch der Kylemore Abbey mit ihren angrenzenden Gärten.

Etappe 5: Doo Lough Pass

Vorbei am Killary Harbour, Irlands einzigem Fjord, verläuft der Wild Atlantic Way über den Doo Lough Pass Richtung Westport. Oberhalb der Stadt geht es in westlicher Richtung auf die Achill Insel mit ihrer wilden, zerklüfteten Küste. Am Ende der Insel gelangt man über eine schmale, bergige Straße an den Keem Strand, der von bis zu 660 Meter hohen Bergen umgeben ist.

Etappe 6: Malin Head

Bis nach Malin Head, dem nördlichsten Punkt Irlands auf der Halbinsel Inishowen, passieren Sie noch im County Donegal die Steilküste von Slieve League: Ihre Klippen gehören zu den höchsten in Europa. Mich haben sie auch durch ihre intensive Farbgebung begeistert. Auch die Anfahrt bis zu den Klippen ist schon spektakulär.

Ein Besuch des Fanad Head Leuchtturms, der zu den schönsten Irlands zählt, darf nicht fehlen. Malin Head, der nördlichste Punkt Irlands, bietet einen ausgezeichneten Panoramablick vom etwa 100 Meter hoch gelegenen Parkplatz. Kurz vor Londonderry/Derry endet der Wild Atlantic Way recht unspektakulär.

Empfehlen möchte ich Ihnen einen Abstecher nach Nordirland. Fahren Sie von Malin Head nach Greencastle und setzen Sie mit der Fähre über nach Nordirland, um dort der Beschilderung Causeway Coastal Route zu folgen. Auf knapp 200 Kilometern passieren Sie Kreidefelsen, Klippen, kilometerlange Strände, Dunluce Castle, die Old Bushmills Distillery und Giant’s Causeway, Nordirlands UNESCO-Welterbestätte. Dabei handelt es sich um tausende von Basaltsäulen, die aus Teilen der Steilküste ragen und eine kleine Landzunge bilden.

In Belfast, dem östlichen Ende der Causeway Coastal Route, ist der Besuch des Titanic Museums ein absolutes Highlight. Das architektonisch imposante Gebäude beherbergt eine sehr spannende Ausstellung über die Stadt, die Gewerke, die rund um den Bau des Schiffes involviert waren, den Bau selbst sowie den Untergang des Schiffes. Aber auch über das Auffinden des Schiffes auf dem Meeresgrund kann man spannende Videos sehen.