Camping Griechenland

Peloponnes – die Vielfältigkeit Griechenlands auf kleinem Raum

Wohnmobil-Reisereportage mit Text und Bildern von Alexandra Stocker

Woran denkt man, wenn man „Griechenland“ hört? An antike Ausgrabungen und faszinierende Bauten alter griechischer Völker? An Ferieninseln, Sonne, Strand und Meer? An köstliches, mediterranes Essen frisch aus dem Mittelmeer? Bestimmt treffen diese Vorstellungen zu, doch Griechenland bietet mehr als nur beliebte Sommerferieninseln. Die Halbinsel Peloponnes, die ihre Finger ins Mittelmeer streckt, steht oft im Schatten der bekannten Inseln. Dass Peloponnes zudem auf bequeme Art und Weise mit dem Wohnmobil bereist werden kann, macht die Gegend im Südwesten Griechenlands umso attraktiver. Hinzu kommt, dass das Götterland das ganze Jahr über einladendes Wohnmobilisten-Klima bietet. Wir begeben uns Anfang Dezember auf der Suche nach Sonne und Wärme nach Hellas.

Und schon sind wir da!

Nur gerade mal 27 Stunden liegt ein mildes Spätherbst-Klima von den kalt-nassen Dezembertagen entfernt. Dies erhoffen wir uns zumindest. So lange braucht nämlich die Fähre von Venedig nach Igoumenitsa an Griechenlands Westküste. Während Anfang Dezember schwere Regenwolken über den geschäftigen Frachthafen ziehen und uns eine ungemütlich steife Seebrise um die Nase weht, fragen wir uns ob unsere Entscheidung, im Dezember nach Griechenland zu reisen, wohl richtig war. Zweifel kommen auf und wir hoffen, genügend Gasvorrat im Wohnmobil mitzuführen. Etwas mulmig ist uns schon, vor allem auch weil sich zwischen den wartenden Fahrzeugen keine weiteren Womos erspähen lassen. Aber in 27 Stunden kann ja noch viel passieren…

Wir stellen unser Wohnmobil im grossen Fährenbauch ab und beziehen eine kleine Innenkabine. Es dauert nicht lange und der Motor des riesigen Schiffes lässt den Boden erzittern. Wir lassen ein verregnetes Venedig zurück und sind bald einmal nur noch vom Grau des Himmels, welches auf das noch dunklere Grau der aufgewühlten Adria trifft, umgeben. Zeit, uns in unsere Kabine zurück zu ziehen und uns in unsere Reiseliteratur zu vertiefen. Bilder von herrlichen Sandstränden, badenden Gästen, traumhaften Sonnenuntergängen und malerischen Ortschaften stimmen uns auf Griechenland ein. Zum Glück hat unsere Kabine kein Fenster, sonst könnten Zwiespalte aufkommen, ob wir solch einen blauen Himmel während den kommenden vier Wochen überhaupt je einmal zu Gesicht bekommen würden.

Nach einer ruhigen Nacht inmitten der Adria erspähen wir im Laufe des Morgens bereits erste Landumrisse. Der Regen hat sich zwar verzogen, trotzdem hängen immer noch dunkle Wolkenfetzen vom Himmel. Das Land, welchem wir uns nähern wirkt trist und monoton. Aber wir lassen uns nicht entmutigen und erwarten unseren Landgang mit Spannung. Wir rollen von Board und fahren eine erste Etappe ostwärts bis nach Ioaninna wo wir den Campigplatz anpeilen. Natürlich ist dieser – wir haben es auch nicht anders erwartet – im Dezember geschlossen. Aber freundlicherweise dürfen die wenigen Wintercampinggäste die Stellplätze direkt an einem idyllischen See trotzdem benutzen.

Der hohe Wasserspiegel des Sees und die vielen Pfützen auf dem Campingareal zeugen von starkem Regen der vergangenen Tage. Können wir nur hoffen, dass dieser nun der Sonne Platz macht. Und tatsächlich zeigen sich tags darauf erste Sonnenstrahlen, als wir durch Ioannina schlendern, die gemütliche Kleinstadt geniessen und uns auf dem Markt mit frischem Gemüse und Obst eindecken. Es ist Orangen- und Mandarinenzeit und die frischen Früchte schmecken ausgezeichnet. Mit Lebensmitteln und köstlichen griechischen Spezialitäten wie Oliven und Feta ausgestattet, treten wir die Entdeckungsreise in Richtung Süden an.

Durch Hügelland nähern wir uns der verkehrsreichen Stadt Arta, welche wir links liegen lassen. Der Verkehr auf der Hauptachse Nr. 5 ist hektisch und wir lernen den griechischen Fahrstil bald einmal kennen. Da wird gedrängt, gehupt, wild mit den Armen gefuchtelt und halsbrecherisch überholt. Wir lernen sofort: die Schnellstrassen sind nichts für Wohnmobilisten. Diese überlassen wir lieber den heissblütigen Griechen und begeben uns auf verkehrsarme, schön zu befahrene Nebenstrassen. Mit der Überquerung der imposanten Rio-Antirrio-Brücke über den Golf von Korinth, die vom Festland auf die Peloponnes Halbinsel führt, lassen wir definitiv die Hektik zurück und tauchen in ein entspanntes, gemütliches Griechenland ein.

Schweiz -25°C, Griechenland +25°C

Kurz nachdem wir den Peloponnes erreicht haben, breitet sich eine aussergewöhnliche Wärmewelle über Hellas aus – und diese wird uns glücklicherweise noch weitere Wochen treu begleiten. Während uns von Zuhause Mitteilunge über eisige Dezembertemperaturen von bis zu -25°C erreichen, tanken wir Tag für Tag Sonne bei bis zu über 25°C. Es ist eine Wonne, bei dieser unerwarteten Wärme die Halbinsel langsam zu entdecken. Wir können es uns auch nicht verkneifen, einen Sprung ins kühle Nass des Korinth-Golfes zu wagen und staunen über die angenehmen Wassertemperaturen. Was uns aber vor allem gefällt sind die leeren Strände, die uns alleine zu gehören scheinen. Da die meisten Campingplätze um diese Jahreszeit schon längst im Winterschlaf liegen, suchen wir uns jeweils ein schönes Übernachtungsplätzchen mit Meerblick aus.

Der Küste entlang fahren wir bis nach Diakofto, um von dort aus mit einer alten Schmalspureisenbahn in die Berge nach Kalavrita zu fahren. Durch enge Schluchten und über schwindelerregende Brücken schlängelt sich die Bahn die Berge hoch bis zum Fusse des Klosters Megaspiläon, einem bedeutenden griechischen Nationalheiligtum. Zu Fuss wandern wir bei brütender Mittagshitze zum Kloster, welches eindrücklich wie ein Schwalbennest im Felsen klebt und die einsame Berglandschaft überblickt. Den Rückweg nach Diakofto nehmen wir zu Fuss in Angriff – und das zwar auf den Bahngeleisen. Dies ist offiziell erlaubt, kriecht doch nur selten ein Zug durchs Tal. Trotzdem spitzt man ständig seine Ohren um in den Tunnels nicht eine unangenehme Überraschung zu erleben. Wandernd lässt sich die Schlucht noch besser bestaunen und der Sonnenuntergang beim Eintreffen am Meer belohnt uns für den langen Fussmarsch.

Bei Derveni verlassen wir die Küste, um dem Killini-Gebirge einen Besuch abzustatten. Waren die Küstenabschnitte schon einsam, ist das Landesinnere noch verlassener. Im Sommer mögen sich Hitzeflüchtige und Wandertouristen in den Bergen tummeln, doch jetzt gibt es nebst den wenigen einheimischen Bergbauern und ihren Tieren, die auf den Strassen ihr Mittagsnickerchen abhalten, niemanden. Im Gebirge spürt man den nahenden Winter und ein kühler Wind weht über die kahlen Bergkämme.

Trotzdem schnüren wir unsere Wanderschuhe und geniessen die Ruhe und die Ursprünglichkeit der Natur an der Grossen Ziria und im märchenhaften Flambouri Tal. Es ist nicht immer einfach, die Einstiege zu den Wanderwegen zu finden und manchmal wählen wir die Routen auch nach eigenem Gutdünken. Die Nächte sind frisch und abends müssen wir doch ab und zu die Wohnmobilheizung in Betrieb nehmen. Als dann dunkle Wolken Regen ankünden uns wir sogar den Eindruck haben, Schneeflocken erspäht zu haben, entscheiden wir uns für den Rückzug an die Küste. Kaum haben wir das Meer erreicht, lacht uns wieder die warme Sonne entgegen und wir können uns kaum vorstellen, dass es in den Bergen regnen oder gar schneien soll.

Auf dem Weg zum berühmten Korinth-Kanal lohnen die Abstecher zur aufwändig restaurierten Burganlage bei Xylokastro und zur Ausgrabung Akrokorinthos des antiken Korinths, welche sehr gut erhalten ist und damit ein reales Gefühl der Antike vermittelt. Der über 6 km lange und beinahe 80 m tiefe Korinth-Kanal ist schliesslich ein absolutes Muss und tatsächlich ein eindrückliches Bauwerk – wohl noch imponierender, wenn ein grosses Schiff die Meerenge durchfährt. Dass der Isthmus von Korinth bereits im Jahre 1881 durchgraben wurde ist eine echte Meisterleistung.

Beeindruckt ziehen wir weiter und nehmen mit der Halbinsel Argolis den „Daumen“, den östlichsten Finger des Peloponnes, unter die Räder. Wir werden nun vom Funkeln der Wasseroberfläche des Saronischen Golfs begleitet. Immer wieder halten wir in hübschen Fischerörtchen mit weissgetünchten Häuserfassaden, buntem Markttreiben und entspannter Nebensaison-Atmosphäre. In Palea Epidauros, einem idyllisches Hafenstädtchen, besichtigen wir ein kleines, gut erhaltenes Amphitheater uns streifen durch die Organgenplantagen. Die Früchte sind reif und fallen schon von den Bäumen – sie schmecken einfach unglaublich gut.

In Methana, das malerisch an einer türkisfarbenen Bucht liegt, stossen wir auf eine besondere Entdeckung. Bereits beim Verlassen des Campers fällt uns der beissend-stinkende Schwefelgeruch auf. Und der Name des Ortes verrät auch, dass sich hier etwas Besonderes abspielen muss: Die Umgebung von Methana ist von erloschenen Vulkankegeln übersät und was von der vulkanischen Aktivität übrig blieb sind heisse, schwefelhaltige Quellen. Leider ist die schön gelegene Thermalquelle geschlossen, doch zufällig entdecken wir im Meer einen kleinen, mit Steinen umgebenen Kessel aus welchem es dampft. Ich strecke meine Hand ins Wasser uns stelle eine herrlich warme Temperatur fest. Nichts wie Badehosen anziehen und rein in unser privates Thermalbad mit Blick über die Wellen, die plätschernd in unser Pool schwappen. Wenn das nicht perfektes Wellness ist!

Nur für schlanke Wohnmobile – Argolis‘ Hinterland

Entspannt und glücklich über die Entdeckung dieses Geheimtipps machen wir uns auf, noch mehr von Argolis zu sehen. Und tatsächlich bietet die Halbinsel eine grosse Vielfalt auf kleinem Raum: Von einsamen Berglandschaften in welchen die griechische Landschildkröte beheimatet ist, über reizende Städte wie Nafplio mit seiner Burganlage die hoch über der Stadt und den Wogen des Argonischen Golfs thront, bis hin zu versteckten Kirchen in Dolinen-Höhlen und eindrücklichen Ausgrabungen mit einem riesigen Amphitheater das 20‘000 Personen fasst in Argos.

Immer wieder locken einsame Strände zum Schwimmen oder Picknicken am Meer und im Landesinneren erkunden wir verschlafene Bergdörfer, in welchen die Zeit still zu stehen scheint. Nie mehr vergessen werden wir Kastanitsa! Zum Einen, weil es ein wunderschön gelegenes und liebevoll gepflegtes Bergidyll ist und zum Anderen, weil wir für einen Moment lang denken, wir müssen unser Wohnmobil dem Bergdorf opfern! Kastanitsas Strassen sind unglaublich eng und selbst mit unserem schlanken Hymer Van ist das Häuserumzingeln eine echte Herausforderung mit Millimeterarbeit und Anweisungen der ausgestiegenen Beifahrerin. Dies natürlich alles unter neugierigen Blicken und Staunen der Dorfbevölkerung.

In Begleitung von Ziegen schlängeln wir uns wieder der Küste und damit dem zweiten Finger, Lakonien, entgegen. Ost Lakonien ist gebirgig-schroff, wild, einsam und idyllisch-herb. Der über 1‘000 m ü. M. reichende Gebirgszug machte in antiken Zeiten Lakonien zu einer natürlichen Festung und auch heute noch spürt man die Isolation und die Eigenheit der stolzen Bewohner. Auf dem Weg der Ostküste entlang brauchen wir viel Zeit da die schmalen, buckeligen Strassen hohe Konzentration fordern. An einem vergessenen Küstenabschnitt versuchen wir die Weiterfahrt in Meeresnähe über eine Schotterpiste, welche mehr und mehr ansteigt und uns steil ins Gebirge führt.

Unser Fahrzeug ächzt und stöhnt bis es schliesslich kapitulieren muss: mit dem Vorderradantrieb gibt es hier kein Weiterkommen. Auf der engen, ausgesetzten Bergstrasse ist es unmöglich zu wenden, so dass wir schliesslich einige Kilometer im Rückwärtsgang den Berg hinunter rollen müssen. Nach diesem ungewollten Abenteuer bleiben wir lieber auf den Hauptstrassen. Schliesslich sind auch diese kaum befahren und führen durch beeindruckende Gegenden. An einer tief in den Küstenklippen eingebetteten Kiesbucht finden wir Erholung von der strapaziösen Fahrt und Erfrischung in den Wogen des Meeres.

Weit im Süden des Peloponnes wartet eine Perle, an der man auf keinen Fall vorbeifahren sollte: Monemvassia. Vom Festland Lakoniens aus kaum erkennbar, schmiegt sich die mittelalterliche Siedlung mit der Zitadelle, die über der Festungsstadt wacht, an die Ostküste einer Felsinsel, die mit Lakonien nur durch einen schmalen Isthmus verbunden ist. In den letzten Jahren wurden die vom Zerfall bedrohten Steinhäuser liebevoll restauriert und die engen Gassen mit Blumenschmuck gesäumt. Monemvassia scheint uns ein gutes Beispiel, wie eine historische Stätte renoviert wurde, ohne den alten Charme zu verlieren und den Touristen einfach zugänglich gemacht wurde, ohne überlaufen zu werden. Die steilen Treppen die zur Zitadelle führen lassen den Schweiss strömen und nach der Belohnung durch einen herrlichen Fernblick springen wir ins klare Nass.

Die Fahrt von der Ostküste über kurvige Bergstrassen zur Westseite der Landzunge dauert nicht lange und in der Nähe von Neapoli richten wir uns oberhalb der lauschigen Bucht von Paleokastro mit perfektem Sonnenuntergang-Blick ein. Wir möchten ganz in den Süden Lakoniens und versuchen auf ruppiger Piste die Zivilisation endgültig zurück zu lassen. Wir kommen aber an einen Punkt, wo die Weiterfahrt nicht mehr empfehlenswert ist, lassen das Wohnmobil stehen und nehmen die Bikes vom Fahrradträger. Trotz heftigem Gegenwind geniessen wir eine herrliche Fahrt der wilden Küste entlang. Irgendwann ist dann auch Schluss mit radeln und wir machen uns zu Fuss auf, den Südzipfel des Kap Maleas zu erforschen. Wir stossen auf keine einzige Menschenseele und werden nur vom Geschrei der Möwen begleitet.

Je weiter südlich wir vorstossen, umso stürmischer werden die Böen. Auf dem ausgesetzten Küstenwanderweg fühlen wir uns nicht mehr richtig wohl und treten schliesslich den Rückweg an, ohne die Südspitze erreicht zu haben. Der Ausflug hat sich aber alleweil gelohnt und die raue Schönheit der kargen Klippen und des türkisfarbenen Meeres sind unvergesslich. Weniger wild, dafür umso einladender zum Baden sind die Strände des Lakonischen Golfs östlich von Githio. Rund um Githio gibt es einige schön angelegte Campingplätze, die im Sommer zahlreiche Badefreunde anlocken. Nun, Mitte Dezember sind die Tore zu den Plätzen verschlossen und die Strandparkplätze – einige sogar sehr idyllisch gelegen – laden zum Bleiben ein. Selten kommen Einheimische zum Strandspaziergang an unseren Plätzchen vorbei, beginnen mit Händen und Füssen ein Gespräch, oder schenken uns sogar frische Orangen und Mandarinen. Was sie jedoch weniger verstehen können sind unsere Schwimmrunden, die wir täglich im Meer drehen. So etwas ist viel zu kalt für griechische Verhältnisse!

Da im Moment noch keine Anzeichen auf Winter oder gar auf Schnee stehen, entscheiden wir uns – gelockt vom höchsten Gipfel auf Peloponnes – noch einmal ins gebirgige Landesinnere aufzubrechen. Ziel ist das Taygetos Gebirge mit dem pyramidenförmigen Profitis Illias, der mit stolzen 2‘407 m ü. M. über Südpeloponnes wacht. Wären uns zu Hause Wanderbücher der Gegend in die Hände gekommen, hätten wir sie wohl wieder zur Seite gelegt: Mitte Dezember wandern? Nein, bestimmt nicht möglich. Aber wir lassen uns gerne von etwas Anderem überzeugen: An einem sonnigen Tag mit wunderbarer Fernsicht machen wir uns schliesslich auf die Wanderung auf und geniessen die Berge für uns alleine. Es herrscht eine unglaubliche Ruhe, man spürt wie sich die Natur auf den Winter vorbereitet und wir fragen uns, wie lange es wohl noch dauern wird, bis eine erste Schneekappe den Gipfel des Profitis Illias einhüllen wird.

Wo einst die kämpferischen Mani das Sagen hatten

Wir rollen wieder einmal südwärts und befinden uns auf einmal in einem völlig anderen Griechenland. Diesmal soll der südlichste Finger des Peloponnes, die Mani Halbinsel, erkundet werden. Die sanft geschwungenen Sandstrände weichen schroffen Klippen, die weiss getünchten Häuser verschwinden und stattdessen erspähen wir teils hohe Steintürme, die über die karge Gegend verstreut liegen. Das Gebiet war lange Zeit fest in den Händen der kämpferischen Mani, die ihre Unabhängigkeit im unwegsamen Rückzugsgebiet eisern behaupteten. Aufgrund dieser Isolation konnte sich eine unabhängige Kultur frei von staatlichen Eingriffen entwickeln.

Die wilden, unberechenbaren Manioten waren untereinander zerstritten, lieferten sich blutige Familienfehden und bauten majestätische Wohn- und Wehrtürme. Von den früheren Grausamkeiten ist heute nichts mehr zu spüren. Was geblieben ist, sind eindrückliche geschichtliche und architektonische Zeugen, ein stolzes Volk und ein Wohnmobilparadies. Wir streifen durch die Gassen der Steinhäuser, die erhaben auf den Felsen kleben, erkunden bei Pyrgos Tirou die eindrücklichen Diros-Seehöhlen mit skurrilen Tropfsteinformen und begeben uns zu Fuss ans Südkapp Kap Tenaro. Dieses erinnert mit der stark zerklüfteten, baumlosen Küste an Irland und lässt das Gefühl aufkommen, wir hätten das Ende der Welt erreicht.

Auf dem Weg nach Kalamata erreicht uns nun das, was wir ja eigentlich schon seit längerem erwartet haben. Nach dem obligaten Bad im Meer schlüpfen wir am Abend in unser Womo-Bett und werden Mitten in der Nacht von starken Windböen und peitschendem Regen wachgerüttelt. Die Temperaturen sinken auf einmal drastisch und am nächsten Morgen weht uns ein eisiger Nordwind um die Ohren. Beim Blick in die Berge stockt uns der Atem: Wo wir eben noch im T-Shirt den höchsten Gipfel erklommen haben, hat sich nun eine dicke Schneedecke hingelegt die weit zur Küste hinunter reicht. Zum Glück haben sich die dunklen Wolken bereits wieder verzogen und machen der Sonne Platz. Es dauert schliesslich nur zwei Tage bis sich auch der frostige Wind wieder legt und bald einmal spielen wir wieder mit dem Gedanken, in die Fluten des Meeres zu springen. Das war also der Kurzbesuch des griechischen Winters!

Nicht der kurze Wintereinbruch, doch eher die Zeit die uns etwas drängt, bringt uns zur Entscheidung, den westlichsten Finger Messeniens etwas abzukürzen und dann langsam den Weg in Richtung Patras der Westküste entlang in Angriff zu nehmen. So fahren wir auf direkter Strecke über Land zur Hafenstadt Methoni, wo wir eine eindrückliche Festung besichtigen. Die Anlage liegt imposant auf einem weit ins Meer hinausragenden Felsen und die stürmische See bietet heute die perfekte Kulisse mit meterhohen Wellen, die tosend an den Festungsmauern brechen und Gischt in den Himmel schicken. Nach kurzer Weiterfahrt stoppen wir in der Nähe von Pylos bei einer ausgedehnten Sumpflandschaft um einen Morgenspaziergang durch das Vogelparadies zu machen.

Tatsächlich sehen wir unzählige Zugvögel, die hier an der Wärme die Wintermonate verbringen. Rein zufällig erspähen wir etwas hell Schimmerndes durch das Dickicht. War das nicht ein goldener Sandstrand? Wir ziehen in Richtung Meer und siehe da: Vor uns breitet sich ein perfekt sicherförmiger Strand aus, der gegen Westen von einer geschützten Meeresbucht und gegen Osten von einem grossen Sumpfsee eingerahmt wird. Wir sind auf die Navarino Bucht gestossen und graben unsere Füsse beim Strandwandern in den warmen, pudrig-feinen Sand ein.

Dies ist unserer Meinung nach einer der schönsten Strände auf Peloponnes und ihn für uns alleine geniessen zu können macht alles noch wunderbarer. Die Gegend zieht uns weiter in ihren Bann und wir stillen unseren Entdeckergeist mit einer kleinen Wanderung auf den Felsberg, der an der Bucht liegt. Wir haben von einer Höhle gelesen und treffen tatsächlich auf die Nestor Höhle, die uns mit ihrer Grösse beeindruckt. Nicht nur der Höhle wegen lohnt sich der schweisstreibende Aufstieg, auch ist die Aussicht auf den Traumstrand und die Sumpflandschaft sehr lohnenswert.

Die antike und unsere persönliche Ausgrabung

Nach so viel Natur ist es wieder einmal Zeit für ein bisschen Kultur. Praktisch auf unserer Route in Richtung Norden liegt die antike Stätte Messini. Die Ithomi-Ausgrabung ist erst kürzlich erneuert und erweitert worden und bietet eine vorbildliche Infrastruktur. Wir staunen einmal mehr, dass wir auch für diese Ausgrabungsstätte keinen Eintritt bezahlen müssen. Viele historische Orte werden vom Staat finanziert und damit auch die Angestellten, die lediglich die Aufgabe haben, in ihren Häuschen zu sitzen und einen Blick auf die Besucher zu werfen. Sieht man solche Szenen wundert es wenig, dass Griechenlands Staatskasse leer ist.

Die geschichtlichen Zeugen sind dafür umso faszinierender und der Abstecher nach Messini lohnt sich sehr – auch wegen der schönen Wanderung auf den Berg oberhalb des Dorfes, welcher das Kloster Panaghias beheimatet und Geburtsort von Zeus gewesen sein soll. Bei der Weiterfahrt legen wir einen Zwischenstopp bei der Pilgerstätte der Agia Theodora Kirche ein. Die schmucke Kirche ist ein kleines, mysteriöses Wunder: Aus ihrem Dach und ihren Wänden wachsen mehrere Bäume, ohne die Mauern zu sprengen. Der Ort gilt als höchst heilig und zieht jährlich eine halbe Million Besucher an. Einheimische legen Zettel mit Wünschen in der Kirche nieder.

Von Messini’s Baukunst angetan peilen wir eine weitere Ausgrabung an: Olympia. Die wohl bedeutendste Kulturstätte auf Peloponnes darf man sich auf keinen Fall entgehen lassen, wenn auch der riesige Zeustempel und zahlreiche pompöse Anlagen im 6. Jahrhundert durch ein starkes Erdbeben dem Erdboden gleichgemacht wurden. Wir staunen immer wieder von Neuem, was die alten Griechen alles auf die Beine gestellt und welche architektonischen Meisterleistungen sie vollbracht haben.

Die nächste „Ausgrabung“ ist dann wohl weniger eine Meisterleistung: Wir stehen in der Nähe eines schönen Strandes in einem Pinienwäldchen. Eigentlich ein perfektes Übernachtungsplätzchen… wäre da nicht der sandige Boden, den man unter den Piniennadeln nicht gleich erkennt. Wir spüren ihn aber bald einmal, als wir am Morgen den Ort verlassen möchten. Unser Camper macht keinen Wank und wühlt sich immer tiefer in den Sand.

Da sitzen wir also im Sand fest und weit und breit keine Menschenseele in Sicht. Was soll‘s, wir sind ja im Land der Ausgrabungen, sagen wir uns und machen dann gleich auch selbst eine! Zum Glück findet man an Griechenlands Stränden im Winter reichlich Strandgut so dass wir bald einmal ein paar Bretter und ein Bodyboard beisammen haben. Wir unterlegen die Räder und fahren Stück für Stück auf unserer Bodyboard-Bretter-Bahn zur Falle raus. Nach etwa einer Stunde, ein paar Fluchern und Schweissperlen können wir dann unser Womo jubelnd auf Asphalt fahren. Ausgrabung gelungen!

Unsere Peloponnes-Umrundung neigt sich langsam dem Ende zu und wir möchten die letzten Tage noch einmal so richtig mit Sonne, Strand und Meer geniessen, bevor wir in Patras auf die Fähre rollen werden. Die Temperaturen laden dazu ein und die Nordwest-Ecke der Halbinsel auch. Über den grossen Pinios Stausee, der in einer lieblichen, trockenen Hügellandschaft eingebettet liegt, erreichen wir die alten Pinienwälder bei Loutra Kounopelli.

Weitab der Zivilisation können wir eine malerische Bucht für uns alleine geniessen – oder besser gesagt fast für uns alleine. Neben uns steht nämlich noch ein anderes Wohnmobil mit Schweizer Nummernschild. Wir kommen mit unserem Nachbarn ins Gespräch und er erzählt uns, er sei schon seit 8 Jahren mit seinem Wohnmobil unterwegs und verbringe immer mal wieder einen Winter an diesem Plätzchen. Wir werden zum Nachtessen eingeladen und geniessen ein Käsefondue am Strand.

Etwas weiter nördlich gelegen bietet der einsamer Landstrich von Kalogria wunderschöne, archaische Pinienwälder und ausgedehnte Strände für ein letztes Winterbad im Mittelmeer. Es ist inzwischen Heiligabend und die Gedanken an Schnee und Kälte sind weit weg – so auch die Vorstellung von Weihnachtsbäumen und Festtagen. Aber ein Dezember-Schwimmen im Meer scheint uns als schönstes Geschenk, das wir uns im Moment vorstellen können.

Zufrieden durchschwimmen wir die Bucht mit Sicht auf unser einsam dastehendes Wohnmobil und schweifen in Gedanken zurück auf die letzten Wochen in Griechenland. Irgendwann wird die Wassertemperatur dann aber doch etwas kühl und wir legen uns in den wärmenden Sand. Vielleicht ist es eben doch der richtige Moment, um langsam aber sicher die Heimreise anzutreten.