Wohnmobilreise Italien

Eine Wohnmobilreise durch Italien - Urlaub auf vier Rädern

Ein Reisebericht von Ulrike Becker, geschrieben für die Zeitschrift active woman (Ausgabe November/Dezember 2013)

Camping-Urlaub steht hoch im Kurs, Zelten ist aber nicht jedermanns Sache. Immer beliebter werden Reisen in einem Wohnmobil. Aber geht das auch mit der ganzen Familie? Für active woman war Ulrike Becker unterwegs – und hat Italien von einer neuen Seite kennengelernt.

Schon wieder Frankreich? Seitdem unsere Kinder geboren sind, haben wir jeden Sommerurlaub an der französischen Mittelmeer- oder Atlantik-Küste verbracht. Tolle Urlaube. Aber dieses Jahr möchte ich irgendwo anders hin: Mein Traum: Andalusien. Der Traum von Tom (11) und Jan (7): Frankreich. Mein Mann sagt, dass er überall mit uns hinkomme. Na super. 2:1 gegen mich.

Ich lasse nicht locker, lese und schwärme von traumhaften Stränden, der Alhambra, von einer Mischung aus Berg und Meer, von Walen, die man in der Straße von Gibraltar beobachten kann. Ich möchte was erleben. „Aber willst du wirklich über 5000 Kilometer Auto fahren?“, fragt mein Mann. Entscheidung vertagt. Wir diskutieren Alternativen und lesen immer wieder Reiseberichte im Internet. Die Kinder würden gerne wieder Zelten (am liebsten in Frankreich), ich stoße auf einen spannenden Reisebericht – mit dem Wohnmobil Italien entdecken. Die Idee gefällt mir. Und einen Verbündeten habe ich schnell an meiner Seite: Mein Mann hat große Lust, die andere Art des Campings auszuprobieren.Wir entscheiden, einen Wagen zu mieten. Ich bin völlig überrascht über die große Auswahl an Fahrzeug-Modellen – welches ist das richtige für uns? Nach zwei langen Abenden in Internet-Foren und auf den Seiten vieler Hersteller sind wir schlauer und wissen nun, was wir wollen: zügig vorankommen, kompakte Ausmaße, aber dennoch genügend Platz und ein zuverlässiges Fahrzeug. Unsere Wahl fällt auf einen Hymer Starlight 595.

Zum schiefen Turm von Pisa

Als wir unseren Söhnen das Objekt der Begierde im Internet zeigen, ist die Vorfreude riesig. Nachdem wir nun versprechen können, neben den Rädern auch noch unser Schlauchboot transportieren zu können, kommen wir Italien ein Stück näher. Tom lenkt ein, als wir ihm (zugegebener Maßen besonders schöne) Bilder von traumhaften Stränden mit türkisblauem Meer auf Sardinien zeigen. Jan überzeugt schließlich die Aussicht, einen ziemlich schiefen Turm zu besuchen, der nicht umfällt („So was gibt es in Italien – okay, da will ich hin.“). Wir freuen uns am meisten über die neu gewonnene Spontanität und den Urlaub auf vier Rädern.

Ich finde unseren Wagen ganz schön groß, fast 7 Meter ist er lang und ziemlich rechteckig. Vorne sitzt man wie in einem Omnibus, die riesige Frontscheibe verschafft einen super Ausblick – aber ich lasse erstmal meinen Mann fahren. Der ist völlig begeistert und freut sich über Dinge, die mir ehrlich gesagt ziemlich egal waren. Zum Beispiel über das Automatik-Getriebe. Als ich mich zwei Tage später zum ersten Mal selbst hinters Steuer setze, merke ich, was mein Mann meinte. Unser rollendes Eigenheim für die nächsten drei Wochen fährt sich fast einfacher als ein PKW. Gute Übersicht, kein Schalten, leise surrt der Wagen über die Autobahn. Nur beim rückwärts Einparken übernehme ich lieber die Rolle des Einweisers.

Viel mehr als Motor und Getriebe interessieren mich die inneren Werte. Wahnsinn, wie viele sinnvolle Stauräume hier verbaut sind. Als unser Urlaubs-Equipment verpackt ist, sind noch drei Fächer leer. Da der Kühlschrank fast so groß ist, wie der bei uns Zuhause, können wir noch großzügig einkaufen, bevor es endlich losgeht. Neben Klamotten, Büchern, Spielen, elektrischen Geräten (vier Steckdosen für 220 V-Anschlüsse!) und unserer Camping-Grundausstattu ng mit Besteck, Tellern und Töpfen dabei: vier Fahrräder und ein Schlauchboot. Der Aktiv-Urlaub kann beginnen.

Die erste Nacht im Wohnmobil

Bevor wir nach Italien durchstarten, besuchen wir gute Freunde am Bodensee. Unser erstes Urlaubs-Highlight wird eine Mountain-Bike-Tour auf den Pfänder. Von Sigmarszell bei Lindau aus geht es gleich über die grüne Grenze nach Österreich, wunderschön, aber anstrengend schlängelt sich der gut zu fahrende Pfad weitestgehend durch den Wald. Bis wir auf über 1000 Metern Höhe angekommen sind, legen wir zwei längere Pausen ein – der Ausblick auf den Bodensee belohnt für den schweißtreibenden Ausflug. Runter geht’s mehr als doppelt so schnell.

Unsere Freunde haben ihr Gästezimmer für uns bereitet, aber für Tom und Jan ist klar, wo sie heute Nacht schlafen: im Hubbett des Wohnmobils. Mit einem Handgriff lässt sich über den Fahrersitzen ein Bett nach unten ziehen, per Leiter haben die Jungs ihr Bett schnell erklommen, auch wenn sie normalerweise nicht mehr aus dem Bett purzeln, zurren wir die Absperrung fest, so dass niemand rausrollen kann.

1,50 Meter breit ist die „Höhle“ und fast zwei Meter lang – im Laufe des Urlaubs entwickelt sich das Bett, das von der Decke kommt, als die begehrteste Schlafkammer. Kuscheliger geht´s kaum.Wir ziehen mit, und verbringen die erste Nacht im nicht weniger bequemen Heckbett, das über der großen Garage fest eingebaut ist. Die Matratzen sind der Hammer – ehrlich gesagt: besser als unsere eigenen. Es liegt also nicht nur an der anstrengenden Radtour, dass wir vier schon in der ersten Nacht wie die Steine schlafen.

Wir bleiben noch einen Tag und brechen nach der zweiten Nacht früh am Morgen auf. Erstes Ziel: Pisa. Wir kommen gut voran, das Fahren ist maximal entspannt. Die Jungs sitzen direkt hinter den Fahrersitzen und nutzen den Esstisch, um zu spielen oder am Laptop einen Film zu schauen. Unser Hymer schnurrt entspannt jeden Berg mit 120 Sachen hoch, weshalb mein Mann gefühlt zum dritten Mal erwähnt, dass sein nächster PKW unbedingt auch ein Automatikgetriebe haben müsse.

Kochen neben der Autobahn

Kurz hinter Mailand fahren wir von der Autobahn und suchen uns am frühen Nachmittag am Rand eines kleinen Dorfes einen Rastplatz neben einem großen Sonnenblumenfeld. Statt Fast Food gibt´s hier Nudeln mit Tomatensauce – nichts großartiges, aber hallo: einfach mal eben so! Anhalten, Gashahn aufgedreht, Töpfe raus – und 20 Minuten später steht eine warme Mahlzeit auf dem Tisch. Ein bisschen Camping deluxe – aber mir gefällt´s. Alles dabei und auch an Ort und Stelle zu haben, macht das Reisen auf vier Rädern entspannt. Am späten Nachmittag sind wir in Pisa. Unser Camping-Platz hat einen großen Pool – bei 37 Grad genau das richtige. Der schiefe Turm muss – auch wenn Jan es kaum erwarten kann – bis morgen auf uns warten.

Wir sind früh dran, aber auf die Idee sind bei den Temperaturen auch andere gekommen. Um 9 Uhr ist an dem Turm schon die Hölle los.

Die Kinder finden es zum Glück trotz Hitze gut, Jan bekommt das obligatorische „Ich-stütz-dann-mal-den-Turm-Foto“ und beide auf dem Rückweg das erste Eis in Italien. Das muss man den Italienern ja lassen, ihr „Gelatti“ ist ganz weit vorn.

Am nächsten Tag geht es weiter, San Gimignano, Volterra – ein Städtchen schöner als das andere. Genauso schön ist es, sich auf den Camping-Platz zurückzuziehen – wir entspannen, die Jungs gehen schwimmen.

Auf nach Sardinien

Nach drei Tagen Toskana fahren wir weiter nach Civitavecchia – um von dort nach Sardinien überzusetzen. Nicht die beste Entscheidung. Die Fahrt von der Toskana Richtung Rom verlangt einem Fahrzeug einiges ab. Die Schnellstraße hat, vorsichtig ausgedrückt, ihre besten Zeiten hinter sich. Unser Wohnmobil schluckt eifrig jede Bodenwelle, und davon gibt es einige. Erstaunlicherweise bleibt innendrin alles an Ort und Stelle. Die Fahrräder zurren wir sicherheitshalber in der Heckgarage nochmal richtig fest.

Von Civitavecchia aus sind es nur fünf Stunden Überfahrt bis Sardinien. Zwölf Tage wollen wir auf der Insel bleiben.

Unser erstes Ziel ist der Wohnmobil-Stellplatz Palmasera in der Nähe des schönen Städtchens Dorgali, am Fuße des höchsten Gebirges Sardiniens, dem Gennargentu. Der Ort ist Zentrum für viele Wanderer und Outdoor-Sportler mit zahlreichen kleinen Geschäften, die sich auf Aktiv-Urlauber spezialisiert haben.

Am nächsten Tag besuchen wir die nur zehn Kilometer von Dorgali entfernte, größte nuragenzeitliche Siedlung der Insel. Nuragen-Türme sieht man auf Sardinien viele, diese bis zu 15 Meter hohen Steintürme stammen aus der Bronzezeit und wurden vom Volk der Nuragen erbaut, über die man auch heute noch sehr wenig weiß. Ein Highlight ist die Wanderung zur Traumbucht Cala Luna am folgenden Tag. Der Weg über schmale Pfade bietet immer wieder wunderschöne Ausblicke auf das hier türkisblaue Mittelmeer, in das wir uns drei Stunden später stürzen, um uns abzukühlen.

Nach zwei erlebnisreichen Tagen fahren wir weiter Richtung Süden, der Campingplatz „Tiliguerta“ an der Costa Rei ist unser Ziel. Die Entfernungen auf Sardinien sind groß – und mehr als 60 bis 80 Kilometer pro Stunde schafft man kaum, was weniger an unserem großen Reisegefährt als an den vielen Bergen und den kurvigen Straßen der Insel liegt. Lediglich eine Autobahn ist als Nord-Süd-Verbindung gut ausgebaut. Mit einem Zwischenstopp (bei fast 38 Grad!) und gut arbeitender Klimaanlage erreichen wir unser Ziel. Wir bekommen ohne Vorreservierung einen Erste-Reihe-Platz. Wow, wir parken unseren Wagen keine zehn Meter vom Strand entfernt und blicken die nächsten sechs Tage direkt aufs gerade mal 60 Meter entfernte Mittelmeer - was Tom und Jan dann gleich mal testen.

Wir bauen Tische und Stühle auf, für unsere Hängematte finden sich zwei Eukalyptusbäume in passender Entfernung. So nah am Meer haben wir noch nie auf einem Camping-Platz geschlafen – Meeresrauschen inklusive. Zwei Tage lang ist nun Strandurlaub angesagt, mit dem Schlauchboot paddeln wir zu nahgelegenen Buchten zum Schnorcheln. Abends sitzen wir lange draußen und genießen es, wie die Wellen unaufhörlich sanft an den Stand rollen. Freiheit pur.

Strandurlaub und viele Ausflüge

Wir beschließen, die nächsten Tage im Wechsel am Strand und mit Ausflügen ins Hinterland zu verbringen. In unserem Familien-Reiseführer „Sardinien mit Kindern“ (Pollner Verlag) entdecken wir eine spannend beschriebene Wanderung im gut 50 Kilometer entfernten Gebirge „Sette Fratelli“. Auf unserer knapp drei Stunden langen Wanderung begegnen wir keiner Menschenseele. Über schmale Hirtenpfade geht es zunächst gut 250 Höhenmeter hinauf, die Kinder haben Spaß beim Kraxeln, wir wandern durch wunderschöne alte Eichenwälder und an (leider) ausgetrockneten Bachläufen vorbei. Wieder zurück, ist der Hunger groß – gut, dass wir einen prall gefüllten Kühlschrank mit vielen Leckereien dabei haben.

Wenn es überhaupt einen Nachteil bei der Reise in einem fast sieben Meter langen Wohnmobil gibt, dann ist es die eingeschränkte Wendigkeit. Die ganz schmalen, teilweise nicht asphaltierten Straßen meiden wir – auch, weil ich keine Lust habe, fünf Kilometer rückwärts über kurvige Schotterwege zu fahren, weil wir am Ende einer Straße vielleicht nicht mehr wenden können. Hier ist ein PKW klar im Vorteil.

Die Zeit geht viel zu schnell vorbei. Nach einer knappen Woche verlassen wir unseren Platz am Meer und machen uns auf den Weg Richtung Norden. In Palau, einem sehr schönen Hafenstädtchen oberhalb der berühmten Costa Smeralda, sind wir mit Freunden aus Köln verabredet, die hier auf einem Campingplatz ihren Urlaub verbringen.

Der Ort, direkt gegenüber der kleinen Insel La Maddalena gelegen, gefällt uns. Schöne Restaurants und Cafes säumen die Promenade. Es ist einiges los, aber nicht überlaufen. Hotelburgen sieht man auch hier weit und breit keine. Auch deshalb ist Sardinien so beliebt – touristisch erschlossen, aber nicht zubetoniert.

Über Florenz ins Pustertal

Zwei Tage später geht unsere Fähre zurück. Mit einem weinenden Auge verlassen wir Sardinien und sind sicher, dass wir wieder kommen. Aber wir freuen uns auf das, was uns noch erwartet – auch, weil wir nicht genau wissen, wo wir in ein oder zwei Tagen sind. Für uns ein unschlagbarer Vorteil des Reisens im Wohnmobil ist die Spontanität. Fahren wir heute noch bis Florenz – oder vielleicht erst morgen?

Heute beenden wir unsere Tour kurz vor Florenz. Hier, wo die Toskana wie gemalt aussieht, genießen wir ein Picknick in den Weinbergen mit tollem Ausblick auf die sanften Hügel, hinter denen die Sonne langsam untergeht. Ein paar Kilometer später finden wir einen Stellplatz, auf dem wir die Nacht verbringen. Stellplätze sind eine praktische Alternative zum Campingplatz, wenn man nur eine Bleibe für die Nacht sucht. Nur wenige Euro zahlt man für einen Platz und hat in der Regel ordentliche Sanitäranlagen.

Am nächsten Morgen entscheiden wir uns, noch ein bisschen in Italien zu bleiben (ein paar Tage in den Schweizer Alpen waren die Alternative). Wir haben in unserem Campingführer einen tollen Platz in dem kleinen Ort St. Lorenzen im Pustertal gefunden, der früher mal ein Bauernhof war und heute immer noch viele Tiere beherbergt. Hühner, Esel, Ziegen, Pferde – für Jan steht fest: da müssen wir hin. Von St. Lorenzen aus, das zwischen den größeren Städten Brixen und Bruneck liegt, hat man tolle Möglichkeiten, aktiv zu sein: Rafting, Canyoning, Kletterwald und natürlich Wandern.

Wir entscheiden uns für eine Wanderung über den Kronplatz, den 2275 Meter hohen Hausberg von Bruneck. Die Ganz-Tages-Tour von St. Lorenzen aus wird nur für gut trainierte Wanderer empfohlen – für einen Siebenjährigen vielleicht etwas zu viel. Aber Tom und Jan wollen unbedingt auf den „Plan de Corones“, wie ihn die Südtiroler nennen. Also wandern wir erst vier Kilometer bis Stefansdorf, um von dort mit der Kabinenbahn gut 1000 Meter hinauf auf den Kronplatz zu fahren. Oben „stürzen“ sich Mountain-Biker in den Downhill und Paraglider schweben lautlos über unsere Köpfe hinweg Richtung Tal.

Wir bevorzugen unsere Füße und begeben uns auf die wunderschöne, aber auch anspruchsvolle Tour zurück nach St. Lorenzen. Fast drei Stunden benötigen wir für den Abstieg, für Tom kein Problem, Jan meldet sich nach zwei Stunden Dauerabstieg: wie lange denn noch?

Eine neue Art des Reisens

Noch eine Stunde, dann sind wir zurück und haben uns die Pizza im Restaurant „Alte Post“ mehr als verdient. Vor allem Jan, der heute wie wir alle fast 15 Kilometer gewandert ist. So schnell wie an diesem Abend ist er im ganzen Urlaub nicht eingeschlafen. Noch ein Tag, den wir für einen Besuch der schönen Altstadt von Bruneck nutzen, dann müssen wir die Heimreise antreten.

Wir haben viel erlebt, viel gesehen, traumhaft geschlafen und gut gesessen. Es war eine wunderbare Zeit – und eine neue Art des Reisens. Eine, die uns viel Spaß gemacht hat. Wir waren garantiert nicht zum letzten Mal auf vier Rädern unterwegs. Nächstes Jahr wollen wir Spanien entdecken – im Wohnmobil. Vielleicht schaffen wir es dann sogar bis Andalusien...